Donnerstag, 2. Juli 2015

So sollten Fohlen aufwachsen

That's how foals are supposed to grow up


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Liebe Leser,

wie versprochen gehe ich etwas mehr ins Detail und erzähle euch in den nächsten Wochen alles rund um die Arbeit mit Jungpferden. Heute möchte ich mit den Kleinsten anfangen. Ich persönlich bin der Meinung, dass ein Fohlen noch nicht arbeiten oder trainiert werden soll. Deswegen gibt es heute weniger Praxisanleitungen sondern mehr einen Leitfaden, wie ein Fohlen behütet aufwachsen sollte (sofern es die Gegebenheiten möglich machen).


Die Haltung

Ich bin ja generell für Offenstallhaltung, das möchte ich vorab sagen, bin aber auch der Meinung, dass manche Pferde sich sogar in einer geräumigen Box wohlfühlen (sofern sie natürlich auch weiterhin genügen freien Auslauf bekommen).

Entsprechend finde ich es wichtig, dass ein Fohlen den größten Teil der Zeit draußen mit Artgenossen verbringen darf. Es sollte genügend Platz zum Toben und Herumspringen da sein und auch genügen Platz, damit die Pferde sich aus dem Weg gehen können.




Bei der Zusammensetzung der Herde finde ich es nicht nur wichtig, dass gleichaltrige Spielgefährten dabei sind, sondern auch verschiedene mittelalte und alte Tiere. Ich glaube fest, dass in diesem Gefüge die beste Erziehung statt findet. Das Fohlen lernt richtig Pferd zu sein und bekommt gerade von den Älteren gezeigt, dass sie auch Respekt haben müssen.

Oft haben Pferde, die Verhaltensauffälligkeiten aufweisen oder als "gefährlich" betitelt werden, nicht richtig gelernt "Pferd zu sein". Natürlich liegt es auch deutlich an der Erziehung, die es vom Menschen erfahren hat, aber diese Fälle sind nicht selten.

Was wird gemacht?

Nicht viel! Natürlich ist es verlockend es auszunutzen, dass das Pferdchen eben noch so klein und beeinflussbar ist. Ich bin allerdings dagegen.

Wichtig ist, sich dem Fohlen nicht die ganze Zeit aufzudrängen. Ich halte es für sinnvoll, sich dem Fohlen erstmal häufig aus der Ferne zu zeigen. Einfach mal an die Koppel setzen und da sein, damit sich das Tier einprägen kann, dass man schonmal irgendwie zum Alltag dazu gehört. Nach und nach kann man immer Näher kommen. Oft sind Fohlen auch neugierig und kommen auch ganz von alleine auf einen zu.



Bedenken muss man, dass die Mutterstute einen großen Beschützerinstinkt entwickelt und selbst wenn sie sonst noch so brav und umgänglich ist, aggressiv werden kann, wenn man sich zu sehr aufdrängt.

Achtung: Niemals zwischen Muttertier und Fohlen aufhalten. (Das gilt auch für andere Tiere wie z.B. Elche, Bären oder Wildschweine...)

Wenn die Neugierde größer wird und das Misstrauen immer geringer, kommt es recht bald dazu, dass man das Fohlen auch berühren darf. Ausnahmen sind Notfälle, in denen der Tierarzt eingreifen muss - dann kann man es eben nicht mal langsam an die Hand des Menschen gewöhnen.
Hat das Fohlen erstmal Vertrauen gefasst, kraulen wir es gerne mal auf der Weide und statten regelmäßige Besuche ab.

Später nehme ich auch einfach mal das Halfter mit in einer Hand, ohne(!) dass ich versuche es anzuziehen. Ich habe es einfach nur bei mir. Das Aufhalftern beginnen wir erst dann, wenn das Fohlen genügend Zutrauen entwickelt hat und vor allem erst dann, wenn es notwendig wird. 




Foto: Stephy E.


Genauso kann man mal eine weiche Bürste mitnehmen, das Fohlen daran Schnuppern lassen und schließlich auch berühren, bzw. putzen.

Das Hufe geben kann man spielerisch einbinden, sobald das Fohlen sich gerne am ganzen Körper berühren lässt.

Prägen?

Das sogenannte Prägen (Englischer Begriff "Imprinting" - teilweise Bekannt durch Monty Roberts) meint, dass man das Fohlen gleich nach der Geburt mit dem Menschen vertraut macht.
Ich halte von diesem Prozess nichts, der Eingriff in das natürliche ist mir da zu groß. In erster Linie soll das Fohlen sich erstmal auf die Mutter "prägen", nicht auf den Menschen. Die häufigsten Fälle, in denen eine Stute ihr Fohlen abstößt, treten meist dann auf, wenn der Mensch zu viel involviert ist.



Auch wenn man sich später erst mit einem Tier beschäftigt, kann man es super erziehen. Alle die etwas anderes behaupten, können es einfach nicht anders. Im Gegenteil, wie oben erwähnt gibt es meistens Probleme, wenn das Tier mehr mit dem Mensch als mit der Pferdeherde groß wird. Wenn ich mich nicht irre, ist dies sogar bei dem aggressiven Pferd der Fall, das im Film "Buck" gezeigt wird (empfehlenswerter Film über Buck Brannaman!).

Der Begriff "Imprinting" wird manchmal auch so gedeutet, dass er generell den Prozess beschreibt, eine Beziehung mit einem Fohlen aufzubauen. Manche mögen sogar das, was ich oben bei "Was wird gemacht" geschrieben habe, als "Imprinting" bezeichnen. Wenn ich mich erinnere, war das auch die Meinung von Tom Dorrance. Leider haben wohl andere Menschen (war es jemand namens "Miller"?) seine Worte außer Zusammenhang benutzt und es kam zu Missverständnissen, was denn nun "Imprinting" ist, und ob es gut oder schlecht ist.

Erwiesen ist: Ein Eingriff direkt nach der Geburt, in prägenden Moment wie das Aufstehen etc. wirkt sich nicht positiv auf das Fohlen aus. Im Gegenteil: Oft werden dadurch Probleme hervor gerufen, die man später wieder korrigieren muss.


Tom Dorrance schrieb: "My approach is not quite so sudden, and there is a time and a waiting for the foal to present itself to me more than me presenting myself to it. Anytime the foal gets a little unsure and wants to withdraw I back up and take a fresh start; maybe then, or some other day." 

Ich hoffe eure Fohlen dürfen behütet aufwachsen!

Habt ihr vielleicht sogar ein eigenes Fohlen am Stall? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich freue mich auf eure Antworten via Kommentar oder Private Nachricht auf Facebook oder unter ropingmydream@gmx.de !

Bis zum nächsten Mal,


Nina




That's how foals are supposed to grow up



Dear readers,


as promised I'm going to tell you more about young horses and how you work with them in the next few weeks. Today I'd like to start with the youngest ones.
My personal opinion is, that foals should not work and should not be trained. Full stop. So you won't find any practical "how to"- tutorials here today but more of a guideline, how a foal is supposed to grow up (if possible).



Keeping foals


Something I want to say first: I really like keeping horses outside in general, but I also believe that some horses even feel fine kept in a large stall, as long as they have enough excess to fields where they have time and space to roam and run.


Accordingly I think it's important, that foals are allowed to be outside with other horses most of the time. There should be enough space to play, romp and run and enough space to get out of the way of each other.




The herd should contain foals in the same age to play with but also (very important!) older horses, horses in different ages. I'm convinced that the best education will happen in this herd structure. The foals learn how to be a horse and the older horses will show them to respect others.


Often horses with behaviour disorders or so-called dangerous horses never learned how to be a horse. Of course it's caused a lot because of the wrong education by humans but still, these cases are not rare.


What can I do?


Not much! Of course it's quite tempting with such a small and impressionable horsey. But I'm against it.


It's important not to shove yourself in the horses space. I believe it makes sense to show yourself to the foal from distance. Just hang around close to the field, have a seat at the fence so the horse can make you out as a part of their everyday life. Step by step you can come closer. Often foals are very curious and will come to you on their own.




Please consider, that mares develope a strong protective instinct and might react aggressive if you come too close - even when she's always been a very well-behaved horse.


Caution: Never stay between a mother animal and their offspring. (Not just horses but also for example moose, bears, etc.)

If curiousity grows bigger and suspicion decreases, it will happen that you are allowed to touch the foal. Exceptions are emergencies - than you cannot take the time and have to handle the horse without preparation.
If the foal already gained trust, we like to give it a good scratch in the field and visit it regularly.

After a while I start taking a halter with me, without (!) trying to put it on. I just carry it with my. I only try to halter a horse when it already has enough trust in me and when it is really necessary.






Photo: Stephy E.

The same way you can also take a brush with you, let the foal sniff it and then touch or groom it. 

Picking feet you can introduce playfully when the foal is comfortable with beeing touched at the whole body. 


Imprinting?


The so-called "Imprinting" - partly well-known because of Monty Roberts - means bonding and familiarize with the foal right after the mare gave birth.

I don't agree with this process, this intervention in natur is too big, I believe. Most important is that the foal will create a bond with their mother, not with a human. The most cases of mares rejecting their foals happen when humans are too much involved.



You can still educate a horse well when it's older. Everybody who disagrees is just not good enough. If anything it causes problems, as I mentioned above, when the horse spends more time with humans than with other horses. If I'm not wrong this was the case with the very aggressive horse in the movie "Buck" (a movie about "Buck Brannaman" I can really recommend).


The term "imprinting" is sometimes interpreted as the general process of building a relationship with a young horses. Some might even say it's exactly what I wrote above in "What can I do?". I seem to recall that this was Tom Dorrance's original opinion, before someone used the term out of context, which lead to misconseptions what "imprinting" actually is and if it's good or bad.

What's proven: An intervention right after the birth, in defining moments like the first try to stand up etc. do not have a positive effect on the foal. Quite the contrary: Often problems are caused, that need to be fixed later on.

Tom Dorrance wrote: "My approach is not quite so sudden, and there is a time and a waiting for the foal to present itself to me more than me presenting myself to it. Anytime the foal gets a little unsure and wants to withdraw I back up and take a fresh start; maybe then, or some other day." 

I hope your foals are allowed to grow up the right way!

Do you have a foal at your barn? What are your experiences?

I'm looking forward to you answers via a comment or a private message via Facebook or ropingmydream@gmx.de !

See you soon,


Nina


Kommentare:

  1. Hallo Nina =)
    Wieder mal ein toller Beitrag! Mit Fohlen habe ich abgesehen von dem ein oder anderen Fotoshooting keine Erfahrung, aber ich kenne das von unseren Ziegen her. Ich habe sie anfangs mit der Mutter zusammen raus gelassen und mich einfach dazu gesetzt. Die Zwillinge Caramell und Vanillo haben das ganz unterschiedlich aufgenommen, obwohl ich beiden die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet habe. Vanillo ist misstrauisch (da ich leider zu selten am Stall bin) und Caramell läuft mir wie ein Flaschenkind überall hinterher und ist auch bei allen Menschen total neugierig und zutraulich. Erklären kann ich mir das nicht so wirklich, warum das bei dem einem so und dem anderen so ist. Hast du schon einmal Praxisfälle mit Fohlen erlebt?

    Liebe Grüße
    Alexa

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    1. Hallo Alexa :) Siehst du, ich kenn mich dafür weniger mit Ziegen aus. Praxisfälle mit Fohlen, die zur gleichen Zeit geboren wurden und gemeinsam aufwuchsen habe ich in der Tat. Jedoch sind Zwillinge bei Pferden nicht nur sehr selten, sondern bescheren seinem Besitzer auch eine gute Portion Bauchweh, da das ganze meist nicht gut ausgeht.
      Die beiden dunklen Andalusierfohlen, die du hier auf den Bildern siehst, sind in etwa 3 Wochen auseinander und haben ihre ersten Lebensmonate gemeinsam verbracht. Zu dem Zeitpunkt als ich auf der Farm war, waren die beiden auch ganz unterschiedlich. Der Hengst sehr neugierig, fast frech, das Stutfohlen eher vorsichtig aber auch neugierig. In dem Fall hätte ich es fast schon von den Müttern abhängig gemacht: Mutter des Hengstfohlens war sehr gelassen, eine ältere Stute, er sollte ihr letztes Fohlen sein. Die Mutter des Stutfohlens wurde zum ersten mal Mutti und war teilweise sogar richtig agressiv, wenn man nur die Weide betreten hat.

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  2. Hallo Nina, wahre Worte! Ich sehe es im Grunde ganz genauso wie du. Als ich mir meine Jungstute gekauft habe, habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt und bin auch auf das Imprinting gestossen - nach Miller (so heißt der Typ wirklich) - der das Fohlen in den ersten Stunden auf Teufel komm raus bricht. Entschuldige, dass ich mich so aufrege über den Fuzzi, aber anders kann man es nicht sagen. Ich war fassungslos als ich gelesen habe, wie der Mann sich das vorstellt. Das geht bei ihm so weit, dass er sogar empfiehlt das Fohlen im Zweifelsfall festzulegen oder sogar hinzuwerfen, wenn es nicht anders geht, um ihm Halfter anziehen und andere Sachen gleich direkt als erstes beizubringen. Da sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, wenn man schon kein Herz hat, dass das keine besonders positive erste Erfahrung mit dem Menschen ist - so prägt man ein junges Pferd nur gegen den Menschen. Auch das zu viel und zu früh einmischen halte ich - genau wie du - für falsch. Ich finde den Weg von Alfonso Aguilar zum Beispiel toll. Ich mache es kurz, weil ich dein Blog nicht sprengen will ;-) Ich habe seinen Weg mal in einem Artikel festgehalten nach einem Jungpferdeseminar mit ihm. Er fängt im Grunde schon recht früh an, aber eben spielerisch. Und bringt dem Pferd erst einmal nur das bei, was es wissen muss, falls im Notfall Hufschmied oder Tierarzt kommen müssen. Damit seine erste Erfahrung mit dem Menschen nicht die Spritze in der Hand sein muss, sondern eine streichelnde Hand. Dann darf das Pferd immer Pferd sein, mit Artgenossen spielen und lernt alle paar Monate in klitzkleinen verspielten Trainingsrunden die Basics. Das scheint mir liebevoll, geduldig und logisch. Damit diese Dinge zu einem schönen Alltag werden :-) So, bevor ich jetzt noch einen Roman tippe, sage ich danke für diese tolle Serie. Mein Herzensthema: Jungpferde :-) Ganz liebe Grüße und bis bald, Petra

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    1. Hallo Petra, so schnell kann man meinen Blog gar nicht sprengen ;) Ich freue mich doch, dass dich das Thema anspricht und du etwas beizutragen hast! Ich kann auch total verstehen, dass du dich über diesen Miller aufregst. Grausam ist so etwas.
      Von Alfonso Aguilar habe ich schon viel Gutes gehört, ich glaube da werde ich mich auch mal mehr informieren! Deinen Artikel würde ich sehr gerne lesen. Hast du einen Link den du mit uns teilen kannst, oder gibt es den Artikel nur in Print?
      Auf jeden Fall bis bald!

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  3. Sehr guter Artikel zum Thema! Der Mensch greift eh in alles zu viel ein, ein Fohlen muss wissen, dass es ein Pferd ist. Wie man sich als Pferd verhält, lernt es nur durch Artgenossen. Und richtig: Gemischte Herde. Erfahrungen können nur weiter gegeben werden, wenn Erfahrungen zur Verfügung stehen. Allerliebste Grüße!

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    1. Hallo Tash!
      Ja, oft wird einfach nur daran gedacht, dass das Fohlen gleichaltrige Spielgefährten hat. Das ist zwar auch wichtig, aber das mit der gemischten Herde wird da gar nicht bedacht. Von reinen Jungpferdeherden halte ich eher wenig.
      Ganz liebe Grüße, schön, dass du hergefunden hast :)

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  4. Hallo Nina,

    schön, dass ich jetzt auch Deinen Blog entdeckt habe :) Bei uns auf dem Hof gibt es derzeit 5 Fohlen und Jahrzente lange Erfahrung mit der Aufzucht. Die dürfen Pferd bzw. Fphlen sein, wachsen mit ihren Müttern zusammen in einer Herde auf und kommen dann später in eine gemischte Herde.
    Ich finde es sehr spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Charaktere sind. Da gibt es den mutigen kleinen Hengst, der sofort anstolziert kommt und sich auch mal sehr weit von seiner Mutter entfernt. Oder die kleine Stute, die das erste Fohlen ihrer Mutter ist, und ganz arg von ihr beschützt wird und sich sehr selten in die Nähe des Menschen traut.
    Wenn sie älter werden, merkt man schnell, dass sie noch nicht so ganz verstanden haben, dass der Mensch nicht einfach nur ein Pferd auf zwei Beinen ist. Sie gehen dann ähnlich mit einem um wie mit ihren Artgenossen...beißen oder treten. In der Zeit wird ihnen sehr behutsam und mit viel Zeit erklärt, wie ein Pferdeleben mit dem Menschen aussehen kann.
    Ich freue mich als Jungpferdebesitzerin sehr auf Deine Serie :) Liebe Grüße, Saskia

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    1. Hallo Saskia, auch dir herzlich Willkommen, freut mich, dass du dich hierher verirrt hast!
      Dein Beispiel mit dem mutigen Hengst und der ersten Tochter einer Stute habe ich genau so erlebt und gerade eben noch in meiner Antwort für Alexa erwähnt :D Dann liegt es tatsächlich an den Müttern.
      Ist schon ein spannendes Thema ;)
      Liebe Grüße!!

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  5. Ja, glaube ich, jedenfalls sehr viel. Der kleine Hengst stammt auch von einer Stute, die schon viele Fohlen hatte. Mein Pferd und sein Halbbruder (gleicher Vater) zeigen hingegen auch viele Gemeinsamkeiten in ihrem Verhalten, allerdings weiß ich leider wie sie als Fohlen waren...bzw. nur von Erzählungen. Beide sehr schüchtern :)
    Liebe Grüße zurück!

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