Donnerstag, 7. Januar 2016

Dein Pferd reißt sich beim Anbinden los?

Liebe Leser,

nachdem ich in meinem Post über das Stillstehen am Putzplatz erwähnt habe, dass das Losreißen eines angebundenen Pferdes immer ein "hausgemachtes Problem" ist, möchte ich heute näher darauf eingehen.

Warum reißt ein Pferd sich los? Welchen Auslöser hat es? Warum wiederholt es sich immer wieder? Wie kann ich es von Anfang an vermeiden und wie bekomme ich es aus meinem Pferd wieder heraus?

Ich werde euch heute meinen Lösungsweg zeigen. Ich weiß, dass einige gegen diese Methode sind, ich bleibe aber bei meiner Überzeugung und erkläre euch auch warum.



Warum reißt ein Pferd sich los?

Das hat natürlich, wie kann es auch anderes sein, wieder einmal unterschiedliche Gründe. Es führt allerdings immer zu einer Erklärung zurück: Ein Pferd ist ein Fluchttier. Bekommt es Panik, ist es von Natur aus sein erster Instinkt, weg zu laufen.

Das funktioniert natürlich nicht, wenn es angebunden ist. Manchmal erschreckt sich ein Pferd nur kurz und wenn es dann merkt, dass es "gefangen" ist, dann kann alleine das dazu führen, dass sich das Pferd in Panik steigert.

Welchen Auslöser hat es?

Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die ein Pferd am Putzplatz dazu bringen können sich zu erschrecken oder ähnliches zu tun: Laute, unbekannte Geräusche, herunterfallende Gegenstände (Sattelpads die an der Anbindestange aufgehangen wurden, Putzzeug etc.), Tiere (Hunde, Katzen), Überforderung (Auflegen des Sattels zum ersten mal, wenn das Pferd nicht vorbereitet wurde)...

Diese Liste kann man endlos so weiter führen.

Aber nun zu der Entscheidenden Frage: Warum KANN ein Pferd sich losreißen?

Weil es stark ist und die Halfter, die meistens benutzt werden, nicht. Am häufigsten benutzt werden günstige Nylonhalfter. Die größten Schwachstellen: Die Schweißnäte an den Ringen und der Karabiner. Sie reißen als erstes.

Ein Nylonhalfter in billiger Verarbeitung.


Nicht nur, dass sie instabil sind, sondern auch noch häufig extrem fluffig gepolstert. Das ist der zweite Grund warum ein Pferd sich losreißen kann: Der Druck, der durch das Halfter auf Genick und Nasenrücken ausgeübt wird, ist nicht so unangenehm stark, wie bei einem schmaleren Halfter ohne Polsterung.

Ein "fluffiges" Halfter, es ist weich mit breiter Auflagefläche, dazu nicht gerade qualitativ hochwertig.


Warum wiederholt es sich immer wieder?

Und das, liebe Leser, ist nicht nur die Frage sondern auch die Antwort und Lösung zu gleich:

Weil das Pferd gelernt hat, dass es sich so befreien kann.

Für die, die es noch nicht in anderen Posts auf meinem Blog gelesen haben: Ein verständliches Lob für ein Pferd ist unter anderem das Wegnehmen von Druck. In diesem Fall trainiert sich das Pferd selbst:

Es hängt sich rückwärts gegen das Halfter (Druckaufbau), das Halfter reißt und das Pferd kommt frei (Nachgeben).

Hat das Pferd einmal gelernt, dass der Druck aufhört, wenn es sich rückwärts ins Halfter hängt und nicht wenn es wieder ein paar Schritte nach vorn geht und sich entspannt, dann wird es immer wieder diesen Weg wählen.

Zu tief verschnallte Halfter können schnell bei Druck über die Nase rutschen.
Besonders wenn sie elastisch sind, hat sich das Pferd das Halfter schnell selbst ausgezogen.



Wie kann man vorbeugend vermeiden, dass ein Pferd sich losreißt?

Hier können wir an verschiedenen Punkten ansetzen, die entweder die Symptome bekämpfen oder das Problem an der Wurzel packen:

1. Scheutraining

Natürlich können wir unser Pferd in Watte packen, leise sein und versuchen Schreckmomente zu vermeiden. Aber das ist nicht des Rätsels Lösung und ein klarer Fall von Symptome bekämpfen. Es kann immer eine Situation aufkommen, in der sich das Pferd erschreckt. Natürlich können wir darauf achten, den Sattel nicht auf einer wackeligen Stange aufzuhängen, wo er schnell herunter fallen und das Pferd erschrecken könnte. Aber was ist wenn jemand anderes am Putzplatz nicht darauf achtet? Und einen freilaufenden, fremden Hund können wir auch nicht kontrollieren.

Was wir aber machen können, ist unser Pferd auf solche Situationen vorzubereiten. Wir können regelmäßig ein Scheutraining mit ihm machen, so dass es gelassener wird. Hier könnt ihr lesen, wie das Funktioniert: Teil 1 und Teil 2

2.  Führtraining

Bevor ein Pferd zum ersten mal angebunden wird, sollte es sich gut führen lassen. Denn dabei kommt es zum ersten mal mit Druck am Kopf durch das Halfter in Verbindung.

Hier können wir dem Pferd beibringen, was die richtige Antwort auf Druck durch das Halfter ist. Mit Druck meine ich übrigens kein ziehen, sondern feine Hilfen, die aufrecht erhalten werden (nicht verstärkt), bis die richtige Reaktion kommt. 

Wichtig ist hierbei (und sonst natürlich auch), dass man sehr konsequent ist. Kein Nachgeben wenn das Pferd sich in das Halfter hängt, sondern den Druck aufrecht erhalten, bis die Verbindung wieder minimal lockerer wird. Dann aber sofort reagieren und nachgeben!

3. Das richtige Halfter benutzen

Und hier sind wir an dem wichtigsten und zugleich unbeliebtesten Punkt. Aber leider liegen genau hier 90 % der Ursachen des Problems.

Ich empfehle zum Anbinden entweder ein Knotenhalfter (bitte ohne jegliches Metall) oder ein sehr stabiles, hochqualitatives Nylonhalfter ohne Karabiner (z.B. von Weaver, Hamilton oder der Sattlerei Rieser).

Ein gut verarbeitetes Nylonhalfter in "schwerer" Qualität

Die Ringe sind stabiler, auf den Karabiner wird ganz verzichtet.


Natürlich darf man das richtige Schließen des Knotenhalfters, einen korrekt gebundenen Strick und einen anständig angebrachten Anbindebalken nicht außer Acht lassen!

Viele sagen, dass das Anbinden mit Knotenhalfter gefährlich oder schmerzhaft für das Pferd ist, gerade wenn sie das Verhalten an den Tag legen, sich loszureißen. Die Begründung: Durch die geringe Auflagefläche ist der punktuelle Druck sehr hoch und die Knoten liegen natürlich an sensiblen Nervenpunkten (für letzteres wurde das Knotenhalfter schließlich erfunden).

Ein Knotenhalfter


Ich will das auch gar nicht bestreiten. Allerdings sollte man folgendes mal in Relation stellen:

Was ist besser? 

Das Pferd wird mit einem stabilen (Knoten-)Halfter angebunden, bekommt Panik, hängt sich ins Halfter und versuch sich loszureißen. Der Druck ist sehr hoch und unangenehm, das Halfter ist stabil und gibt nicht nach. Das Pferd hat einen unschönen Moment, merkt jedoch, dass es nicht hilft, sich in das Halfter zu hängen. Schließlich versucht es einen anderen Weg, geht nach vorne und der Druck hört auf. Das Pferd hat sich gerade selbst beigebracht, dass es sich besser anfühlt, wenn es einen Schritt nach vorne geht und sich entspannt.

Das wird es von nun an in Zukunft in den meisten Fällen immer tun. Es besteht die Möglichkeit (habe ich aber noch nie erlebt), dass es sich am Genick ein paar Wirbel verschoben hat oder eine Scheuerstelle zugezogen hat. Der Fall war allerdings einmalig und wird sich nicht nochmal wiederholen.

ODER

Das Pferd ist mit einem weich gepolsterten Halfter mit Metallringen und Karabinder angebunden, bekommt Panik, hängt sich ins Halfter und versuch sich loszureißen. Der Druck ist nicht sonderlich hoch oder unangenehm, das Halfter gibt sogar leicht nach, da es elastisch ist. Das Pferd spürt dieses Nachgeben und hängt sich verstärkt ins Halfter. Der Metallring oder der Karabiner reißt, das Pferd befreit sich und der Druck hört auf. Das Pferd hat sich gerade selbst beigebracht, dass es sich besser anfühlt, wenn es nach hinten zieht und das Halfter kaputt reißt.

Das wird es von nun an in Zukunft in den meisten Fällen immer tun. Es besteht die Möglichkeit (habe ich sogar in der Tat erlebt), dass es sich am Genick ein paar Wirbel verschoben hat. Die Möglichkeit besteht nun jedes Mal, wenn sich diese Situation wiederholt. Und das wird definitiv passieren!

Also frage ich euch nochmal: Was ist besser? 

Mehr zum Knotenhalfter könnt ihr bei Nadja von "Pferde verstehen" lesen.

Wie bekomme ich es aus meinem Pferd wieder heraus?

Es ist schwieriger ein bereits antrainiertes Verhalten aus einem Pferd heraus zu bekommen, als ihm etwas neues von Anfang an beizubringen. Das kennen wir auch von uns selber. Ich denke jeder von euch war schonmal in  einer Situation, in der er es schwierig fand, alte Verhaltensmuster abzulegen. Erinnert euch an diesen Moment und habt Geduld mit eurem Pferd.

Es kann nichts dafür! Es wurde nicht dazu gemacht angebunden zu werden und ihr habt ihm selbst beigebracht sich loszureißen. Wenn auch ungewollt. 

Ich rate euch umgehend Punkt 3 umzusetzen. Das wird am ehesten etwas bringen. Dazu solltet ihr euch auch mit Punkt 2 beschäftigen. Nicht selten geht das Problem "Pferd reißt sich los" auch mit Problemen beim Führen einher. Ihr werdet dabei auch merken, dass ein Pferd mit "fluffigem Halfter" vermutlich weniger Halfterführig ist, als eines mit normalem oder Knotenhalfter.

Nichts desto trotz solltet ihr euch bewusst sein, dass euer Pferd euch freiwillig folgen soll, nicht weil man am Strick zieht. Er ist aber eure Versicherung, wenn es noch nicht so klappt. Ihr könnt damit euer Pferd korrigieren, wenn es nötig ist und ihm den richtigen Weg zeigen. 

Braucht ihr noch mehr Hilfe zu diesem Thema? Habt ihr einen anderen Lösungsweg?

Schreibt es in die Kommentare unter dem Post oder schreibt mir auf Facebook oder via ropingmydream@gmx.de! 

Bis zum nächsten Mal,
Nina 

Kommentare:

  1. Liebe Nina, danke für den spannenden Artikel. Ich liebe deine Schritt für Schritt Anleitungen. Das muss auch mal gesagt werden. Viele schöne Gedanken stecken da drin. Alles Liebe und bis bald, Petra

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  2. Hallo Petra, vielen lieben Dank für dein Lob! Freut mich, dass du vorbei geschaut hast. Ich lese auch immer wieder gerne deinen Blog, besonders über deine Erfahrungen mit deinem neuen Pferd :)
    Bis bald - Nina

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