Donnerstag, 4. August 2016

Der Fluchtinstinkt im Alltag

Liebe Leser,

das Pferd ist ein Fluchttier. Ja, wir mögen es vielleicht nicht mehr hören können, überall wird es immer wieder gesagt. Wir wissen, dass das Pferd ein Fluchttier ist. Aber was heißt das für uns im Alltag, im Umgang mit unseren Pferden?

Mir ist erst neulich wieder bewusst geworden, wie besonders es eigentlich ist, dass Pferde ihren Urinstinkt überwinden und uns in den "gefährlichsten" Situationen ihr Vertrauen schenken.



Es war letzte Woche, Calando und ich sind einen Weg entlang eines hohen, verblühten Rapsfeldes entlang geritten. Ein Weg, den wir so häufig gehen, dass ich mich manchmal dabei erwische, nicht mehr richtig Aufmerksam zu sein, weil ich weiß: hier kennen wir uns aus, hier fühlt sich Calando sicher.

Im Moment wimmelt es bei uns nur so von Wild, jeden Tag den ich zum Stall fahre, sehe ich Rehe. Als es also plötzlich im Feld raschelte, Calando - sonst eigentlich recht unerschrocken - die Ohren spitze und seine Beine in den Boden betonierte, wusste ich ganz genau: schon wieder ein Reh!

Aber Calando wusste das nicht. Er kann es nicht wissen. Für ihn konnte es genau so gut eine Raubkatze sein, da bleibt nicht viel Zeit zum überlegen. Ehe wir uns versahen legte er also den feinsten Rollback hin, den er mit seinem riesen Warmblut-Wendekreis ausführen konnte und galoppierte den Weg hinunter.

Ich habe zwar kein passendes Bild mit Calando aber mal ehrlich? Woher soll ein Pferd wissen,
dass in dem hohen Feld keine Raubkatze lauert? Foto: Sina H.


Da ich die Zügel im gemütlichen Aufwärm-Modus einfach lang gelassen hatte und alles in Bruchteilen von Sekunden ablief, hatte ich keine Möglichkeit die Zügel schnell nach zu fassen. Zum Glück, denn vielleicht hätte das reflexartige am Zügel ziehen nur mehr Panik ausgelöst.

Was ich aber bemerkenswert fand: Nach nur wenigen Metern parierte Calando schon wieder durch zum Schritt, obwohl er zitterte und besorgt durch die Nüstern trötete. Wenn ich mich an die ein oder andere Situation vor ein oder zwei Jahren erinnere, glaube ich nicht, dass er sich so schnell wieder besonnen hätte. Ich glaube, dass sich über die Zeit ein Vertrauen entwickelt hat.

Denn das einzige was ich in der aktuellen Situation tat, war mein Gleichgewicht zu halten, meinen Schwerpunkt kurz unter dem Bauchnabel zu finden, weiter zu atmen und ruhig zu bleiben. Und das konnte ich, denn ich war selbstbewusst genug um ihm mein Vertrauen zu schenken. Das kann man natürlich nicht spielen sondern muss echt sein. Mein Gefühl, dass ihm zeigen konnte, dass alles in Ordnung ist, war alles was ich ihm geben konnte. Und er vertraute mir.

Nach der Situation war er natürlich immer noch aufgeregt und in Hab-Acht-Stellung. Das ist normal, denn die "Raubkatze" könnte ja immer noch ganz in der Nähe sein. Er prustete Äste an, die auf dem Weg lagen und zögerte bei der ein oder anderen Stelle. Und trotzdem traute er sich mit mir voran zu gehen.



Das nächste mal, wenn ihr euch fragt, warum euer Pferd vermeintlich überreagiert, versucht euch mal in es hinein zu versetzen.

Wenn ein Pferd aus Angst reagiert, dann weil es befürchtet, dass sein Leben in Gefahr ist. Und nein, das ist nicht "dumm", denn nur so hat diese wundervolle Art über tausende von Jahren überlebt.

Es gibt natürlich noch unzählige andere Situationen im Alltag, in denen ihr mit dem Fluchtinstinkt des Pferdes konfrontiert werdet. Z.B. Beim Verladen in einen Pferdeanhänger. Dem Pferd ist der Instinkt angeboren, sich nicht in beengte Situationen zu bringen, da eine Flucht somit schwieriger oder gar unmöglich ist.

Stellt euch vor, ihr seid das Pferd im Anhänger, von hinten schleicht sich ein Löwe an. Es gibt keinen Ausweg, man sitzt in der Falle!

Ihr werdet niemals Wildpferde finden, die unterschlupf in einer Höhle suchen. Das schlägt sich auch bei Weideunterständen nieder. Wenn ihr nur einen schmalen Durchgang baut, werden die Pferde ihn weniger gern nutzen, als wenn es mehrere Durchgänge gibt oder er an einer Seite offen ist.

Ich könnte endlos Beispiele aufzählen, aber dann würdet ihr vom Lesen viereckige Augen bekommen ;)

Ihr könnt mir aber gerne eure Erfahrungen schildern!

In welcher Alltagssituation wurde euch der Fluchtinstinkt eures Pferdes so richtig bewusst?

Schreibt es in einen Kommentar unter dem Post oder erzählt es auf Facebook!

Bis zum nächsten Mal,

Nina


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